22.10.2024

in Ratgeber

Walter Wildhagen

Diplom Ökonom Walter Wildhagen ist unabhängiger Finanzexperte (CFP®) mit über 25 Jahren Erfahrung. Regelmäßig erkundet er für Sie die Grenzen und Möglichkeiten der Finanzwelt in praxisnahen Beiträgen und auf seinem LinkedIn Profil.

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Moderne Lebensformen aus dem Blickwinkel Finanzen

Warum moderne Lebensformen neue Finanzfragen aufwerfen

Unsere Gesellschaft ist vielfältiger geworden: Patchworkfamilien, unverheiratete Paare, Alleinerziehende, kinderlose Partnerschaften oder Wahlfamilien – all diese Lebensentwürfe sind längst Alltag. Laut Statistischem Bundesamt wächst bereits fast jedes dritte Kind in einer nicht klassischen Kernfamilie auf1.

Die gesellschaftliche Akzeptanz ist hoch, doch finanzielle und rechtliche Rahmenbedingungen passen sich deutlich langsamer an. Viele Menschen gehen davon aus, dass Partnerschaft automatisch Schutz bietet – doch das stimmt oft nicht. Gerade Altersvorsorge, Absicherung bei Pflegebedürftigkeit und die Nachlassplanung unterscheiden sich je nach Lebensform teilweise erheblich.

Merksatz: Je individueller der Lebensentwurf, desto bewusster muss die Finanz- und Vorsorgeplanung erfolgen.


1. Absicherung moderner Lebensformen: Wo Risiken entstehen

Unverheiratete Paare – viel Verantwortung, wenig automatische Rechte

Ohne Trauschein gilt:

  • Keine gegenseitigen Erbansprüche2
  • Keine automatische Absicherung über die gesetzliche Hinterbliebenenversorgung3
  • Kein gesetzliches Mitspracherecht im Pflege- oder Krankheitsfall ohne Vorsorgevollmacht4

Finanzielle Konsequenz:
Ein Partner kann im Ernstfall komplett unversorgt zurückbleiben.

Wichtige Bausteine:

  • Individuelle Altersvorsorge
  • Risiko­lebensversicherung zur Absicherung gemeinsamer finanzieller Verpflichtungen
  • Gemeinsames Testament oder Erbvertrag
  • Vorsorgevollmachten & Patientenverfügungen

Alleinerziehende – doppelte Verantwortung

Rund 2,6 Millionen Familien werden in Deutschland von einer alleinerziehenden Person geführt5. Häufig lasten Einkommen, Care-Arbeit und Vorsorge auf einer Schulter.

Wichtige Risikofaktoren:

  • Einkommensausfall des Elternteils
  • Sicherstellung der Versorgung des Kindes, falls dem Elternteil etwas passiert
  • Geringere Rentenansprüche durch Teilzeit oder Erwerbsunterbrechungen6

Wichtige Bausteine:

  • Berufsunfähigkeits­versicherung
  • angemessene Absicherung der Kinder (Sorgerechts- & Vormundschaftsregelung, Risikolebensversicherung)
  • stabile Altersvorsorge trotz geringer Einkommen (z. B. ETF-Sparplan, freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rente)

Patchworkfamilien – komplexe, aber gestaltbare Finanzarchitektur

Patchworkkonstellationen sind finanziell besonders anspruchsvoll.
Rechtlich gilt:

  • Stiefkinder haben kein gesetzliches Erbrecht, wenn kein Testament existiert7.
  • Erbschaftsteuerlich sind Stiefkinder leiblichen Kindern gleichgestellt, d. h. sie erhalten den gleichen Freibetrag von 400.000 Euro8.

Das bedeutet:
Ohne Testament profitieren Stiefkinder steuerlich – aber bekommen trotzdem nichts vererbt.

Ein klassischer Fallstrick, der zu unerwünschten Ergebnissen führen kann.

Wichtige Bausteine:

  • Testament mit klaren Quoten
  • Regelung des Kindergeld- und Unterhaltsanspruchs
  • Absicherung gemeinsamer Kredite (z. B. Immobilien)

2. Alters- und Pflegevorsorge aktiv gestalten

Warum moderne Lebensmodelle besonders gefährdet sind

  • Unterbrechungen im Erwerbsleben (Teilzeit, Care-Arbeit, Wechsel zwischen Familienmodellen) senken die Rentenansprüche6.
  • Pflegebedürftigkeit ist ein finanzielles Hochrisiko: Die durchschnittlichen Eigenanteile in Pflegeheimen liegen heute im Schnitt über 2.500 € pro Monat9.

In vielen modernen Familienformen existiert keine automatische Versorgung, sodass Lücken geschlossen werden müssen.

Drei zentrale Fragen für die Vorsorgeplanung:

  1. Wer sorgt im Alter oder Pflegefall für wen?
  2. Welche gesetzlichen Ansprüche bestehen – und welche nicht?
  3. Welche finanziellen Verpflichtungen müssen abgesichert werden? (z. B. gemeinsame Immobilie, Kinder, Partner)

3. Nachlassplanung: Wichtiger denn je

Die gesetzlichen Regeln passen nicht zu modernen Lebensformen

Das deutsche Erbrecht basiert in seiner Struktur auf dem klassischen Familienmodell (Ehe + gemeinsame Kinder). In modernen Konstellationen führt das oft zu Ergebnissen, die nicht dem Willen der Beteiligten entsprechen.

Drei häufige Irrtümer

Irrtum 1: „Mein Partner erbt automatisch etwas.“
→ Nur Ehepartner & Kinder sind gesetzliche Erben2.

Irrtum 2: „Stiefkinder sind wie eigene Kinder.“
→ Erbrechtlich nein, steuerlich ja78.

Irrtum 3: „Wenn etwas passiert, kommt das Vermögen automatisch den Kindern zugute.“
→ Ohne Testament greifen gesetzliche Regeln, die bei Patchworkfamilien oft zu erheblichen Konflikten führen.


4. Was eine gute Finanzplanung für moderne Lebensformen leisten muss

Eine zeitgemäße Finanzplanung berücksichtigt:

  • Vielfalt der Familienstrukturen
  • unterschiedliche Absicherungsbedarfe
  • rechtliche und steuerliche Besonderheiten
  • finanzielle Verpflichtungen über Generationen hinweg

Gerade CERTIFIED FINANCIAL PLANNER® können hier unterstützen – nicht mit Produktverkauf, sondern mit systematischer Analyse, Priorisierung und langfristiger Lebensgestaltung.

Merksatz: Finanzplanung ist Lebensplanung – und sie wird umso wichtiger, je individueller das Leben verläuft.


Kurz zusammengefasst

  • Moderne Lebensformen sind normal – das Gesetz behandelt sie aber oft wie Ausnahmen.
  • Ohne Vorsorgevollmacht, Testament, BU- & Hinterbliebenenabsicherung entstehen schnell Versorgungslücken.
  • Patchworkfamilien müssen besonders auf Erbrecht und Steuerfreibeträge achten.
  • Alters- und Pflegevorsorge sollten individuell und möglichst früh beginnen.
  • Frühzeitige Planung verhindert Streit, finanzielle Notlagen und ungewollte Erbfolgen.

Quellen

  1. Destatis – Familien und Lebensformen in Deutschland, aktuelle Daten.
  2. Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), §§ 1922 ff. – Gesetzliche Erbfolge. 2
  3. Deutsche Rentenversicherung – Hinterbliebenenrente: Anspruchsvoraussetzungen.
  4. Bundesministerium der Justiz – Vorsorgevollmacht & Patientenverfügung (Broschüre).
  5. Destatis – Alleinerziehende in Deutschland, Mikrozensus.
  6. Deutsche Rentenversicherung – Rentenversicherung und Auswirkungen von Teilzeit/Erwerbsunterbrechungen. 2
  7. BGB – Gesetzliche Erbfolge: Stiefkinder ohne Adoption. 2
  8. Bundesministerium der Finanzen – Erbschaftsteuer und Freibeträge (§ 16 ErbStG). 2
  9. Verband der Ersatzkassen (vdek) – Pflegestatistik und Eigenanteile in stationären Einrichtungen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Finanz- oder Steuerberatung.

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