Wenn Sicherheit zur Falle wird
„Ich will nichts riskieren.“
Diesen Satz höre ich in der Ruhestandsplanung häufiger als jeden anderen. Er ist verständlich – gerade nach Jahren politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten. Doch viele vermeintlich „risikoarme“ Anlageformen sind auf lange Sicht teurer, als wir glauben.
Sparbücher, Tagesgeld, Kapitalgarantieprodukte oder klassische Lebensversicherungen vermitteln Ruhe und Stabilität. Was jedoch oft übersehen wird: In einem Umfeld aus Inflation, niedrigen Realzinsen und steigenden Lebenshaltungskosten verlieren diese Anlagen über die Jahre massiv an Kaufkraft.
Die Deutsche Bundesbank bestätigt regelmäßig, dass die Realzinsen über lange Zeiträume hinweg negativ waren – das heißt: Sparguthaben verloren real an Wert1. Gleichzeitig lag die Inflation in Deutschland in den Jahren 2021–2023 teils deutlich über 5 %2.
Sicherheit fühlt sich gut an.
Aber gefühlte Sicherheit ist nicht dasselbe wie reale Sicherheit.
Warum „kapitalgarantierte“ Produkte oft nur vermeintlich sicher sind
Wenn Kapitalerhalt nicht vor Kaufkraftverlust schützt
Viele Menschen setzen Sicherheit mit Kapitalgarantie gleich: „Hauptsache, ich bekomme mein Geld wieder heraus.“
Das Problem: Geld, das nominal erhalten bleibt, kann real trotzdem ärmer werden.
Ein Beispiel:
- Verzinsung eines Sparbuchs: etwa 1 %
- Durchschnittliche Inflation in Deutschland (langfristig): ca. 2 %2
- Effektiver Realzins: –1 %
Was nominal stabil wirkt, ist real ein jährlicher Kaufkraftverlust.
Warum ist das so wichtig für die Ruhestandsplanung?
Weil Ruhestand Kaufkraft und Lebensstandard finanzieren muss – nicht Kontostände.
Die Bundesbank betont seit Jahren, dass „reine Zinssparen“ durch die veränderte Zinslandschaft strukturell an Bedeutung verloren hat und reale Erträge ohne Kapitalmarktbeteiligung kaum erreichbar sind1.
Viele klassische Altersvorsorgeprodukte leiden unter denselben Problemen.
Lebensversicherungen mit Altgarantien erzielen häufig unter 1 % laufende Verzinsung – vor Kosten und Steuern3. Die Kapitalgarantie sichert den Nominalwert, aber nicht den realen Lebensstandard.
Psychologischer Fehler: Sicherheit wird mit Risikoarmut verwechselt
Menschen überschätzen das Risiko von Marktschwankungen – und unterschätzen das Risiko des Wertverlustes über Zeit.
Das ist ein klassischer kognitiver Bias, den auch wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Anleger gewichten kurzfristige Verluste überproportional, langfristige Ertragseffekte hingegen zu gering4.
Trügerische Sicherheit – der Wert der Zeit und die Gefahr der Illusionen
Inflation frisst stille Vermögen auf
Ein Tagesgeldsatz von 2,0 % wirkt heute solide.
Bei 2,2 % Inflation bedeutet das trotzdemRealverlust2:
Sicherheit ohne Ertrag ist keine Sicherheit.
Noch deutlicher wird es bei Altverträgen oder Sparbüchern mit 0,1–1,0 % Zinsen. Die reale Entwicklung ist negativ – und oft über Jahrzehnte hinweg.
Ein Rechenbeispiel, das die Dimension sichtbar macht
30 Jahre sparen – zwei Wege:
1. Sparbuch / Garantieprodukt (1 % p. a.)
200 € monatlich → ca. 84.000 € Endwert
2. Breites Investmentportfolio (5 % p. a., langfristiger Durchschnitt)
200 € monatlich → ca. 164.000 € Endwert
Das Doppelte – allein durch Rendite.
Die Wissenschaft ist eindeutig:
Breit diversifizierte Kapitalmarktanlagen erwirtschaften langfristig deutlich höhere reale Renditen als zinsbasierte Anlage5.
Institutionen wie die OECD und die Deutsche Rentenversicherung weisen zudem darauf hin, dass das größte Risiko in der Altersvorsorge nicht Marktschwankungen, sondern unzureichende Ertragserwartung ist6.
Was gute Ruhestandsplanung leisten muss
Risikobegriff neu denken
Ruhestandsplanung bedeutet nicht: Risiko vermeiden.
Sie bedeutet: die richtigen Risiken managen.
- Kursschwankungen sind kurzfristig.
- Inflation ist dauerhaft.
- Kaufkraftverlust ist schleichend, aber mächtig.
- Rendite entsteht nur dort, wo Kapital produktiv arbeitet.
Die Aufgabe professioneller Finanzplanung besteht darin, Menschen diesen Perspektivwechsel zu ermöglichen.
Strategie statt Garantie
Moderne Investmentansätze kombinieren:
- breite Diversifikation,
- wissenschaftliche Renditetreiber,
- Risikoklassen, die zur Lebensphase passen,
- automatische Anpassung über die Zeit.
So entsteht eine Struktur, die Schwankungen abfedert, aber langfristige Erträge ermöglicht.
Basierend auf jahrzehntelanger Marktforschung – etwa von Fama/French, der Bundesbank oder dem Weltaktienindex – sind Aktienmärkte langfristig eine der wenigen Anlageformen, die dauerhaft reale Renditen oberhalb der Inflation erzeugen5.
Garantieprodukte hingegen bieten Stabilität – aber um den Preis eines schwächeren Vermögensaufbaus.
Ruhestand braucht Rendite – nicht Illusionen
Kapitalgarantie klingt beruhigend.
Aber sie schützt nicht vor dem größten Risiko: dass das Geld später nicht reicht.
Ein klug strukturiertes, langfristig orientiertes Investmentportfolio ist kein Wagnis – es ist die Grundlage für finanziellen Handlungsspielraum im Alter.
Die eigentliche Gefahr ist nicht der Aktienmarkt.
Die wahre Gefahr ist ein Vermögen, das stehenbleibt, während das Leben teurer wird.
Quellen
- Deutsche Bundesbank – Realzinsstatistiken, Monatsberichte.
- Statistisches Bundesamt – Verbraucherpreisindex und Inflation in Deutschland.
- BaFin – Marktstatistik Lebensversicherungen; laufende Verzinsungen.
- Barberis, Shleifer, Thaler – A Survey of Behavioral Finance.
- Bundesbank & wissenschaftliche Langfriststudien zu Kapitalmarktrenditen; Fama/French Research.
- OECD – Pensions Outlook; Deutsche Rentenversicherung – Risikoanalyse Altersvorsorge.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Finanz- oder Steuerberatung.







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